
Welt-Alpha-Tag: Grundbildung öffnet Türen – mitten im Leben
Eine Nachricht vom Amt verstehen. Den Dienstplan lesen. Online einen Arzttermin buchen. Eine Rechnung prüfen. Nachrichten einordnen und bei einer Wahl eine informierte Entscheidung treffen. Was haben all diese Dinge gemeinsam? Sie brauchen Grundbildung – und fast immer auch Schriftsprache.
Zum Welt-Alpha-Tag am 8. September rückt der Landesverband der Volkshochschulen Sachsen-Anhalt ein Thema ins Licht, das Millionen Menschen betrifft und dennoch im Alltag häufig unsichtbar bleibt.
6,2 Millionen deutschsprechende Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren verfügten laut LEO-Studie 2018 über geringe Lese- und Schreibkompetenzen – 12,1 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe. In Sachsen-Anhalt sind schätzungsweise 200.000 Menschen betroffen. Viele können einzelne Wörter oder Sätze lesen und schreiben, haben aber Schwierigkeiten mit längeren zusammenhängenden Texten.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen. Kolleginnen und Kollegen. Eltern. Nachbarinnen und Nachbarn. Viele stehen mitten im Berufsleben und bewältigen ihren Alltag mit eigenen Strategien.
Grundbildung? Da geht es um viel mehr als das Alphabet.
Wer bei Grundbildung nur an Lesen, Schreiben und Rechnen denkt, sieht nur einen Teil des Bildes. Grundbildung umfasst Kompetenzen, die wir brauchen, um unseren Alltag selbstständig zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben: politische und soziale Kompetenzen, arbeitsplatzorientierte Grundbildung, finanzielle und rechtliche Grundbildung, Gesundheitskompetenz und digitale Grundbildung.
Das wird schnell konkret: Kann ich meinen Arbeitsvertrag oder eine Rechnung verstehen? Einen Beipackzettel lesen? Seriöse Nachrichten von Desinformation unterscheiden? Eine App bedienen oder ein Online-Formular ausfüllen?
So unterschiedlich diese Bereiche sind, eines verbindet sie: Grundlage für Teilhabe ist und bleibt die Schriftsprache. Denn digitale Kompetenz hilft wenig, wenn Hinweise auf dem Bildschirm nicht verstanden werden. Finanzwissen ist schwer anzuwenden, wenn Verträge zur Hürde werden. Verantwortungsvolle politische Entscheidungen werden zur Herausforderung, wenn Wahlprogramme nicht erschlossen werden können. Und auch am Arbeitsplatz wachsen die schriftsprachlichen Anforderungen.
Grundbildung ist mitten im Leben
Geringe Literalität ist kein Randthema – und sie sagt nichts darüber aus, wie intelligent, engagiert oder lebenserfahren ein Mensch ist. Die Mehrheit der gering literalisierten Erwachsenen ist erwerbstätig. Moderne Grundbildungsarbeit setzt deshalb dort an, wo Menschen leben und arbeiten: am Arbeitsplatz, beim Smartphone, bei Gesundheit und Finanzen, bei Behördenangelegenheiten und gesellschaftlicher Beteiligung.
In Sachsen-Anhalt arbeiten Volkshochschulen, die Fach- und Koordinierungsstelle Alphabetisierung und Grundbildung und zahlreiche Partner daran, Menschen mit Grundbildungsbedarf besser zu erreichen. Rund um den Welt-Alpha-Tag wird das Thema besonders sichtbar: Vom 7. bis 11. September 2026 informiert die Landesausstellung „Schriftlos? Nein danke!“ im City Carré Magdeburg über geringe Literalität und Möglichkeiten der Alphabetisierung und Grundbildung.
Denn am Ende geht es nicht darum, was jemand nicht kann, sondern darum, was möglich wird: ein Formular selbst ausfüllen, den eigenen Kindern eine Geschichte vorlesen, die Lohnabrechnung verstehen oder sich sicherer in der digitalen Welt bewegen. Grundbildung schafft Selbstständigkeit, Sicherheit, berufliche Chancen und gesellschaftliche Teilhabe.
Hinschauen. Ansprechen. Weitergeben.
Dazu lädt auch die neue Grundbildungskampagne des Landesverbandes der Volkshochschulen Sachsen-Anhalt „Ein Kurs fürs Leben“ ein. Die auffälligen Postkarten liegen jetzt an vielen Orten im Land aus. Nehmen Sie eine mit und geben Sie sie weiter – an direkt Betroffene oder an Menschen, die Betroffene kennen und unterstützen können. Ein kleiner Hinweis kann der erste Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Teilhabe sein.
Sensibilisieren. Mut machen. Chancen weitergeben.
Ein Kurs fürs Leben – Grundbildungsangebote in Sachsen-Anhalt