Erasmus+ Mobilitäten - "Horizonte erweitern - International denken"

Erfahrungsberichte der Teilnehmenden aus Phase I & II

RIGA - Besonders durch Geschichte, Kultur, Architektur und CORONA

Avatar of Andrea HennigAndrea Hennig - 01. September 2020 - Erasmus+ Mobilitäten

Russisch lernen in Lettland

Sprachreise in Zeiten von Corona

09.08.20

Ich sitze auf dem Flughafen und habe gerade eingecheckt. Das ist besonders bzw. anders als sonst, wenn man eine Maske dabei tragen muss und sie kurz nur abnehmen soll, um die Gesichtskontrolle zu bestehen. Ich habe noch zwei Stunden Zeit. Der Flughafen ist ungewöhnlich leer, denn nur Passagiere durften rein. Ein bisschen nervös war ich im Vorfeld, weil die Bordkarte online eingecheckt werden musste! Und dann musste (!) man sie ausdrucken und gerade da wollte mein Drucker aber nicht richtig. Es ist dieses Mal eine Reise unter besonderen Umständen: CORONA. Aber ich bin gespannt und freue mich auf Riga…

Gut angekommen! Es hat alles geklappt auf dem Flughafen. Mein Koffer ist zwar als letztes vom Band gerollt, aber draußen wurde ich von einem Taxifahrer abgeholt, der ein Schild hochgehalten hat… also hatte, denn er war schon dabei, sein Warten aufzugeben. Die Gastmutter hat mir noch am gleichen Tag gezeigt, wo es lang geht, wenn man zur Straßenbahn gehen muss und wo bzw. was im Umfeld ist. Es ist in ihrem Haus sehr schön, eine gute Atmosphäre. Mir gefällt es, dass sie so fröhlich auf mich einredet, obwohl ich nur einen Bruchteil davon verstehe. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger, denn offensichtlich gebraucht sie nicht nur das einfache Russisch. Solange ich mir jedoch noch nichts aufschreibe, habe ich keine Chance, mir das wirklich zu merken. Aber bin ja zum Lernen hier!

10.08.

Heute früh habe ich tatsächlich verschlafen! Die Armbanduhr hatte ich richtig gestellt, aber die Zeitumstellung auf dem Wecker vergessen! Dumm gelaufen! Meine Gastmutter hatte jedoch noch angeklopft und so bin ich trotzdem pünktlich in der Schule gewesen. Dort allerdings – puh, war ich sehr erstaunt, dass ich in eine Gruppe A1 eingeteilt worden war. Stand nach dem Online-Test im Vorfeld nicht die Empfehlung A2 auf der Einschätzung!?!  Warum das? Ich weiß ja, dass ich wirklich nicht sicher bin, wenn es um grammatikalische Endungen geht. Aber deshalb A1 (schon vor der ersten Begegnung), wo doch weitaus weniger Wortschatz erforderlich ist? Ein Gespräch mit der Lehrerin hat leider nichts ergeben. Eine Gruppenänderung? Ich war sogar noch im Büro bei der Managerin in der Hoffnung... Mal sehen, was sie morgen entscheiden. Der Unterrichtstag gefiel mir gar nicht, vielleicht liegt es auch einfach an der Chemie mit dieser Lehrerin zu arbeiten?

Am Nachmittag habe ich das schulische Angebot genutzt und eine schöne Stadtführung mitgemacht. Da außer mir in dieser Woche gar kein (!) neuer Schüler gekommen war, waren wir nur zu zweit dabei. Trotzdem wurde die ganze Altstadt gezeigt. Eine tolle Führung und sehr informativ! Ziemlich spät bin ich erst nach Hause gekommen, denn ich hatte ganz vergessen, den Namen der Haltestelle für die Rückfahrt zu erfragen. Und irgendwie sieht in dem Wohnviertel alles ziemlich gleich nach den 80er Jahren aus.

Heute Abend hat mir die Gastmutter weitere Tipps gegeben. Vorher haben wir zusammen gegessen, obwohl ich gar kein Abendessen gebucht habe. Sie freut sich, glaube ich, dass ich hier bin und wenn ich auch in den kommenden Tagen mit ihr esse, erzähle, zuhöre… Wie gut, dass in diesem Fall die Chemie zu stimmen scheint!

11.08.

Heute bin ich allein zur Schule gefahren. Es hat gut geklappt. Ich war rechtzeitig da. Der Unterricht lief gut, obwohl es etwas langweilig ist, weil es ja ausschließlich um das Thema Essen geht und das auf niedrigem Niveau. Aber die Klasse ist sehr nett und das Miteinander gefällt mir. Ich habe trotzdem an die Agentur geschrieben und gefragt, ob es nicht eine Lösung gibt, um intensiver zu lernen… Nach dem Mittagessen war erstmalig noch Gesprächs-Unterricht. Es soll keine Vertiefung sein, sondern Übung, damit wir nicht den Schülern gegenüber, die nur vormittags lernen, Vorteile haben. Hmm.

Umso mehr habe ich dann genossen, über den Markt zu spazieren. Hier gibt es längst nicht so viel dicke Leute wie in Deutschland! Sie wirken entspannter, weniger laut…  ein bisschen Obst habe ich gekauft, das vom Preis her ungefähr dem in Deutschland entspricht. Allerdings waren wesentlich mehr Beeren im Angebot, auch verschiedene Pilze, viel Fisch und frische Blumen. Für die Gastmutter habe ich einen Blumenstrauß erstanden und mit ihr gerade gut zu Abend gegessen. Kartoffelpuffer mit Zucchini – lecker!

12.08.

Gelernt habe ich heute in der Schule wieder über das Restaurant, wie man was bestellt, was es alles gibt, was besondere Gerichte sind, woraus sie bestehen… und es ging darum, wann man den Akkusativ benutzt oder eben auch den sechsten Fall, den es im Russischen bei der Frage „wo“ gibt. Diese Differenzierung ist nicht ganz einfach, aber ich hoffe, ich habe wieder ein Stück mehr verstanden. Sehr ungewöhnlich erscheint es mir, wenn die Lehrerin über Fehler lacht. Sie lacht ausgelassen, wenn jemand etwas falsch macht. Will sie es damit ins Komische ziehen, Fehler weniger tragisch erscheinen lassen? Keine Ahnung, scheint so üblich zu sein, irritiert aber meine Klassenkameraden (Kanada, Dänemark, Schweiz, Deutschland) ebenso. Alle haben solche Situationen schon mehrfach im russischen Umfeld erlebt. Manche scheuen sich deshalb ein wenig beim Antworten.

Als mittags Schulschluss war, wurde ich ins Büro gebeten. Zwei zusätzliche Unterrichtseinheiten in Minigruppe soll ich nun bekommen, kostenlos, als Herausforderung, als Entschädigung, als Entschuldigung. Ich habe meine Einwilligung unterschreiben müssen. (Ich denke Management ist grundsätzlich nicht einfach, bei wöchentlichen Wechseln der Teilnehmer. Durch Corona ist alles derzeit noch komplizierter, denn die Zahlen sind geringer. Deshalb schätze ich diese Reaktion und das Entgegenkommen.) 

Noch etwas Besonderes? Ja, eine Schiffsfahrt mit dem Boot bei Sonnenuntergang auf dem Fluss. Eine Stunde hat es gedauert. Das war ein gemütlicher schöner Ausklang nach einem langen Tag.

13.08.

Wenn schon das Thema Lieblingsessen bzw. Restaurant ist, will ich doch erwähnen, dass ich russische Küche wohl mag. Mal habe ich „Serniki“, eine Art Quarkkeulchen oder Käsekuchen bekommen „Blinui“- das entspricht kleinen Eierkuchen, sind ebenfalls lecker. Dann waren es  überbackene Brötchen und „Schweinsohren“ zum Frühstück. Eine leckere Variante waren abends die Kartoffelpuffer mit Zucchini gemischt (s.o.) und deswegen einen besonderen Geschmack hatten. Eine Käsesuppe wurde mir gereicht, aber auch russische kleine Würstchen mit einem Mix aus Kohl und Kartoffeln. Dann wiederum gab es mal Buchweizen, mal ein Gemisch mit Klops und Salat, alles lecker und sehr abwechslungsreich. Ich muss sagen, es gefällt mir, wäre mir persönlich allerdings zu viel Mühe, morgens so viel zuzubereiten. Da bleibe ich doch daheim weiter bei Marmeladenbrot.

In der Schule lief es heute gut. Das Verhältnis zur Lehrerin ist etwas angetaut. Sie ist lockerer geworden und ja, ich vielleicht auch. Wir haben in der Pause mal über „Binnendifferenzierung“ gefachsimpelt und Ideen ausgetauscht, wie der kommunikative Anteil für die Lernenden erhöht werden kann. Gespräche zwischen Schülern hält sie nämlich normal in sehr geringem Maß, damit sich die Lernenden keine Fehler angewöhnen (so ihre Meinung). Den PC im Unterrichtsraum nutzt sie (im Gegensatz zu mir bisher) häufig, um Bilder zu zeigen, die für Wortschatz hilfreich sind.

Wir haben anschließend das Thema „Mein Tag“ angefangen, die achte Lektion auf dem Niveau A1. Es ging um Uhrzeiten.

14.08.

Heute war nun der letzte Tag. Am Morgen ging es los mit dem wöchentlichen Test. Witzig, was das Wort selbst bei mir für Auswirkungen auf den Adrenalinspiegel hatte… Wir mussten einen Text schreiben, etwas sprechen, etwas hören, Lückentexte mit der richtigen Grammatik ergänzen und haben danach einfach noch in der Lektion weiter gearbeitet. Ungünstigerweise ging es bei der letzten grammatikalischen Übung um das Verb „gehen“ (um noch eine Übung mehr zu schaffen und den Lehrplan zu erfüllen, laut Aussage der Kursleiterin) Dieses Verb hat aber im Russischen so viele Präfixe und somit verschiedene Bedeutungen, dass es leider nur Frust auf allen Seiten gab. (Etwas Neues im letzten Moment zu beginnen, birgt immer ein hohes Risiko!)

Später erhielten wir alle das Teilnahme-Zertifikat und ein fröhliches Hallo und Tschüss.

Ich bin im Anschluss daran auf dem Rigaer Stadtfest gewesen. In diesem Jahr ist es dezentral in vielen kleinen Parks organisiert, um den Corona-Regelungen gerecht zu werden. Darsteller (Musiker, Künstler, Händler) wechseln dafür den Ort, damit Einwohner nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen müssen.

15.08.

Mit der S-Bahn ans Meer, also an die Ostsee… habe den Strand gesehen. mich aber nur für ein Foto mal reingestellt. Imposant! Und dafür fahren am Wochenende sogar mehr Züge als an den anderen Wochentagen. Da parken überall am Straßenrand die großen Limousinen, die Statussymbol sind. Ein Rugbyturnier am Strand habe ich erstmalig erlebt, Schachspieler im Park kannte ich schon aus der Mongolei. Und Denkmäler oder Kunst in allen Varianten zieren Parks und Plätze. Meine Russischkenntnisse konnte ich dabei gut anwenden, denn ich musste ja ein Ticket kaufen, habe eine Hochzeit erlebt, das örtliche Museum besucht und konnte immerhin ein bisschen mehr verstehen J  es (A1) hat sich also insgesamt doch gelohnt!

Am Abend habe ich mit der Gastmutter noch mal an den Russisch Aufgaben gesessen und versucht, diese Verben vom „GEHEN“… die Zusammenhänge habe ich noch nicht verstanden, aber zumindest habe ich jetzt viele richtige Sätze im Heft!! Lernen kann ja auf verschiedene Weise erfolgen und Logik ist nicht immer zu erkennen.

16.08.

Sachen packen für den Rückflug ist viel einfacher und geht echt schnell, wenn da nicht die kleinen Erinnerungsstücke wären, die weder Größen-  noch Gewichtslimits sprengen dürfen. Ich hatte noch ausreichend Zeit für einen schönen Spaziergang, letzte Fotos gemacht, habe mich bei der Gastmutter für die herzliche Aufnahme bedankt und fand mich per Taxi kurze Zeit später am Flughafen. Genau eine Woche war es her, dass ich (leicht nervös) angekommen war. Jetzt hatte ich viele neue Schul- und Organisationserfahrungen, Lehr- und Lernerfahrungen, Sprach- und Kulturerfahrungen gesammelt, die ich wertvoll für meine Tätigkeit in Integrationskursen finde.

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