Erasmus+ Mobilitäten - "Horizonte erweitern - International denken"

Erfahrungsberichte der Teilnehmenden aus Phase I & II

Meine Reise - Aix-en-Provence

Avatar of Cornelia BergerCornelia Berger - 05. Dezember 2019 - Erasmus+ Mobilitäten

Auf in die Provence

06. Dezember 2019

Es ist Nikolaustag, und die Lufthansa bringt mich von Frankfurt nach Marseille. Schon am Abfluggate bin ich gefühlt nur noch von Französinnen und Franzosen umgeben, und ich schalte in den Sprachmodus „Französisch“ um.

Ein Taxi bringt mich an die Corniche in Marseille. Ich habe ein kleines, familiengeführtes Hotel mit Blick auf die vorgelagerten Inseln gewählt – ein idealer Ort, um vom deutschen Alltag abzuschalten und in Frankreich anzukommen.

Wochenende 07. und 08. Dezember 2019

Ich nutze das herrliche spätsommerliche Wetter für die Besichtigung des Château d’If und von Marseille sowie für ein Bad im Mittelmeer bei ca. 15 Grad.

Sowohl der Taxifahrer als auch die Hoteleigentümerin sind erstaunt, als sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme und Französisch nicht meine Muttersprache ist …

Das Taxi bringt mich am Sonntagabend auch nach Aix-en-Provence, da aufgrund der Streiksituation Busse und Züge nur unregelmäßig verkehren. Pünktlich zum Abendessen komme ich bei meiner Gastmutter Suzanne an, die mich täglich mit neuen Leckereien der französischen bzw. proven-zalischen Küche verwöhnt. Salat, Zitronen und Clementinen sind noch frisch aus dem eigenen Garten.

Erst nach Sonnenaufgang am nächsten Morgen sehe ich, welch fantastischen Blick das Wohnzimmer über Aix-en-Provence bietet.

09. Dezember 2019

Um 8.00 Uhr starte ich zu Fuß zur Schule. Das ist alles sehr ungewohnt, und mir steht zunächst der Ein-stufungstest bevor:  Hörverständnis, Grammatik, Leseverständnis, Textproduktion. Alles machbar, ich bin aber aufgeregt und mache daher den einen oder anderen Fehler. Als Ergebnis ergibt sich das Niveau C 1, und ich steige in einen laufenden Kurs ein: Michèle aus Florida und Soan aus Irland sind meine „Klassenkameraden“, nachmittags ist noch Kiko aus Japan dabei. Wir arbeiten also in einer Kleingruppe. Dadurch ist das Sprachtraining sehr intensiv, zumal Kiko sich nach 2 Tagen verabschiedet und Michèle mit Grippe zuhause bleiben muss …

Claire und Nathalie heißen meine beiden engagierten Lehrerinnen, die sich den Kurs teilen. So ist ein interessanter und abwechslungsreicher Unterricht garantiert. Der Schwerpunkt liegt auf mündlichem Ausdruck sowie Ausspracheübungen (was besonders für meine englischsprachigen Mitschüler wichtig ist, mir aber auch für meine eigene Arbeit in der VHS hilfreich sein wird).

Das Niveau ist anspruchsvoll, vor allem, wenn wir Nachrichtensendungen eines privaten Radiosenders hören und die wichtigsten Inhalte wiedergeben sollen. Hier wenden wir die Technik des „selektiven Hörens“ an. Wir sollen uns zunächst nur auf wesentliche Punkte (z. B. wie viele Themen, wo, wer) konzentrieren. Bei der Wiederholung geht es dann um Detailfragen. Unsere Ergebnisse werden von Tag zu Tag besser. Hier werde ich meine eigenen Teilnehmer*innen, die damit auch Probleme haben, nun noch besser unterstützen können.

Unterrichtszeiten sind von 9.00 bis 12.30 Uhr und von 14.00 bis 16.00 Uhr. Für Zuhause gibt es noch Hausaufgaben, in der Regel Grammatikübungen und Textproduktion sowie die Vorbereitung von Präsentationen, so dass ich mich jeden Abend noch für ca. 1,5 bis 2 Stunden hinsetzen muss.

10. Dezember 2019

Wir arbeiten heute mit verschiedenen Zeitungen und stellen eine Auswahl an Artikeln zur Streik-situation den anderen Teilnehmern vor. Danach folgt eine Diskussion.

Die heutige Grammatik (Zeiten der Vergangenheit) fällt mir nicht schwer, weil ich diese selber regelmäßig unterrichte bzw. in meinen Gruppen wiederhole.

Heute Nachmittag nach dem Unterricht findet noch ein Stadtrundgang statt, der sehr informativ ist. Ich freue mich auf etwas Zeit, Aix an den nächsten Nachmittagen auf eigene Faust zu erkunden.

11. Dezember 2019

Wir starten gleich mit einer anspruchsvollen Hörverständnisübung. Danach geht es um verschiedene Präpositionen. Soan präsentiert uns einen Presseartikel, und wir diskutieren anschließend darüber. Die Auswertung unserer Grammatik- und Aussprachefehler ist sehr intensiv und hilfreich.

Claire versteht es, den Unterricht sehr kurzweilig zu gestalten und ihre Erklärungen mit einer an-schaulichen Gestik und Mimik zu unterstreichen. Ich nehme mir vor, das eine oder andere von ihr einfach für meinen eigenen Unterricht zu kopieren.

Da sich meine Mitschüler heute ab- bzw. krankgemeldet haben, genieße ich nachmittags Einzel-unterricht bei Nathalie, die mir das französische Sozialversicherungssystem und die Brutto-Netto-Lohnberechnung erklärt.

Nach dem Unterricht starte ich einen ersten - leider erfolglosen - Versuch, das Atelier von Paul Cézanne zu besichtigen. Mit Einbruch der Dämmerung wurde das Museum geschlossen.

12. Dezember 2019

Heute bin ich mit meiner Präsentation an der Reihe. Es läuft gut, auch die anschließende Diskussion. Ich bin es gewohnt, vor einer Gruppe zu sprechen. Die anschließende Analyse zeigt mir typische Fehler auf.

Lese-, Hörverständnis sowie Grammatik-Übungen wechseln sich ab. Dabei ergänzt sich die unter-schiedliche Mentalität unserer Lehrerinnen wieder wunderbar. Die doch recht langen Schultage vergehen so wie im Flug. Allerdings stelle ich auch fest, dass ich – nun auf der Schülerseite – in unangenehme Schülermentalitäten verfalle: mal sehe ich mit abwesendem Blick aus dem Fenster, mal kann ich meinem Handy nicht widerstehen. Außerdem bin ich als „Lehrerin“ ohnehin eine schwierige „Schülerin“!

Da ich heute nach dem Unterricht direkt vor der Schule in den Bus einsteige, schaffe ich es rechtzeitig vor dem Schließen ins Atelier von Cézanne. Beeindruckt hat mich hier vor allem der Film über sein Lebenswerk.

Abends höre ich noch etwas Musik. Wir hatten nachmittags das Lied „Les bobos“ von Renaud gehört und besprochen, das mich nun als Ohrwurm begleitet.

13. Dezember 2019

Heute Morgen schüttet es wie aus Kübeln. Wir kommen alle völlig durchnässt in der Schule an, da französische Autofahrer beim Durchfahren von Pfützen nicht an mögliche Fußgänger denken …

Wir besprechen idiomatische Redewendungen, kontrollieren unsere Hausaufgaben und beenden den Vormittag mit 2 Spielen zur Wortschatzerweiterung bzw.  zum Beschreiben von Gegenständen  – beide Spiele wären auch für mich im eigenen Unterricht einsetzbar.

Außerdem sollen wir einen kleinen Text schreiben, den Claire anschließend korrigiert. Sie ist erstaunt (und ich bin es auch): Der Text ist völlig fehlerfrei. Ich bin also spätestens jetzt in Frankreich ange-kommen!

Nachmittags lesen wir einen Artikel über Frankreich und die Franzosen mit anschließender Diskussion.

Abends findet ein Konzert der schwedischen Schüler anlässlich des Lucia-Festes in der Kathedrale von Aix statt. Die Zeit davor nutze ich noch für Besichtigungen, u. a. des Kunstmuseums Granet, und für kleinere Einkäufe.

14. Dezember 2019

Heute nutze ich den Tag, um endlich ausgiebig Aix-en-Provence zu besichtigen. Außerdem ist großer Markttag in Aix. Das ist ohnehin ein wichtiger Unterschied zwischen uns Deutschen und den Fran-zosen: Franzosen legen großen Wert auf qualitativ gutes Essen und kaufen daher bevorzugt regional auf dem Markt ein. Entsprechend sind das Angebot und der Andrang an den Markttagen.

Und ich entdecke einen eigenen Markt mit ca. 10 Ständen, an denen die für die Provence typischen „santons“ verkauft werden, das sind handgearbeitete Krippenfiguren aus Ton. In den Familien gibt es die Tradition, die Krippe Jahr für Jahr zu erweitern. Am Weihnachtsabend darf das jüngste Kind der Familie den neugeborenen Jesus in die Krippe legen.

15. Dezember 2019

Ich starte mit dem Bus zu einer etwa 4-stündigen Wanderung an der montagne Sainte-Victoire, einem Kalkmassiv 10 km von Aix-en-Provence entfernt, das Paul Cézanne fasziniert immer wieder gemalt hat.

Es ist T-Shirt-Wetter, und ich entdecke an jeder Ecke neue Fotomotive. Auch hier gibt es – wie bei Roussillon in der Provence – fast orangefarbige Erde, die mit dem weißen Kalkstein, den grünen Kiefern  und dem blauen Himmel eine tolle Farbkombination ergibt.

Zurück in Aix-en-Provence gönne ich mir einen „café gourmand“ – eine Tasse Kaffee mit 2 kleinen, leckeren Tortenstückchen – délicieux!  Überall in der Stadt spielen und tanzen Folkloregruppen. Es herrscht eine fantastische Stimmung!

16. Dezember 2019

Wir machen eine kleine Vorstellungsrunde, denn Michèle und Soan haben mich verlassen, dafür kommen zwei Neuzugänge, wobei mit Maxim aus St.-Petersburg das Sprachniveau leicht sinkt. Verständlich, dass die Sprachschule nur für ihn nicht eigens einen B 2-Kurs starten will. Wir machen wieder unsere tägliche Hörverständnisübung der Radiosendung, und hier wird mir bewusst, wie gut ich inzwischen damit zurechtkomme (während sich die Neuankömmlinge sehr schwer tun).

Wir wiederholen das Passiv, üben dies mit dem Spiel „Timeline“ und lesen gemeinsam einen Text zum Thema „Sozialversicherung“.

Heute teste ich nach dem Unterricht das moderne Sportschwimmbad von Aix  und schwimme 1,5 km.

17. Dezember 2019

Wir kontrollieren unser Hausaufgaben zum Passiv und die Texte, die wir über unsere Heimatstadt geschrieben haben. Hierzu findet eine ausführliche Fehleranalyse statt.

Maxim spricht über seine berufliche Tätigkeit bei einem Fußballverein in St.-Petersburg, und wir sprechen über Frankreich als Fußballnation bzw. verschiedene Sportarten.

Nachmittags probieren wir das Spiel „Tabu“ aus (was ich aus meiner eigenen Unterrichtstätigkeit kenne). Außerdem sehen wir einen Film über Massentourismus und diskutieren anschließend über das Problem.

18. Dezember 2019

Nach der obligatorischen Hörverständnisübung wiederholen und üben wir das Subjonctif und kontrollieren die Hausaufgaben, u. a. ein offizieller Brief an den Bürgermeister unserer Heimatstadt.

Nachmittags unternehmen wir eine Exkursion mit Claire zu verschiedenen Kultureinrichtungen von Aix-en-Provence mit dem Arbeitsauftrag, jeweils an der Rezeption bzw. beim Ticketverkauf bestimmte Informationen einzuholen. Wir lernen auf diese Weise das Opernhaus, die Mediathek, das „Palais Noir“ (Tanzausbildung) sowie das Konservatorium von Aix-en-Provence kennen.

Ich besichtige anschließend noch den Ort der Maler oberhalb von Aix. In diesem Park sind an einigen Originalplätzen Reproduktionen von Paul Cézanne aufgestellt.

19. Dezember 2019

Wir kontrollieren die Hausaufgaben zum Subjonctif und machen weitere Übungen dazu. Außerdem stellt Hans seine Heimatstadt vor. Wir machen unsere tägliche Hörverständnisübung und lesen einen Text über „Glück“. Nachmittags im Unterricht mit Nathalie hören und besprechen wir das Lied „le bonheur“.

Abends besuche ich ein Schülerkonzert im Konservatorium und treffe dort auf Claire und ihre Familie.

20. Dezember 2019

Vormittags haben wir noch einmal Unterricht bei Claire. Wir besprechen die Hausaufgaben und üben nochmals das Subjonctif bevor wir der Einladung der Schulleitung folgen, die uns zu einem Jahresab-schluss mit Champagner und Tapenade-Häppchen erwartet.

Nachmittags erklärt uns Nathalie, wie Weihnachten in Frankreich und speziell in der Provence gefeiert wird, und jeder berichtet von Weihnachtsbräuchen in seinem Land.

Ich gehe noch einmal in das Hallenbad und anschließend zu Einkäufen in die Stadt.

21. Dezember 2019

Für heute habe ich den Aufstieg auf die montagne Sainte-Victoire (1.011 m, d. h. 700 Höhenmeter) geplant. Es ist wieder herrlich sonnig, allerdings nicht so warm und etwas windig. Ich fahre mit dem Bus zum Ausgangs-punkt und mache mich an den Aufstieg, muss aber irgendwann vom rechten Weg abgekommen sein, denn der „pas de berger“ ist sehr steil und eher etwas für Kletterer, doch für ein Umkehren ist es zu spät. Die spektakuläre Sicht bis zum Mittelmeer entschädigt für alle Mühen des Aufstiegs. Auch auf dem Rückweg nehme ich aufgrund meines schlechten Kartenmaterials nicht den direkten Weg, so dass ich nach 7-stündiger Wanderung an der Bushaltestelle nach Aix ankomme. Unterwegs treffe ich immer wieder Wanderer, mit denen ich ins Gespräch komme und mit denen ich ein Stück des Wegs gemeinsam nehme.  Abends erlebe ich ein Adventskonzert im Konservatorium, wo ich mich dann auch von Claire und ihrer Familie verabschiede. Wir wollen in Kontakt bleiben.

22. Dezember 2019

Den heutigen Vormittag brauche ich zum Packen. Dann gönne ich mir ein Mittagessen in der Sonne auf der Terrasse eines Restaurants. Ich erledige noch einige Weihnachts- und Souvenireinkäufe.

Nachmittags breche ich zum Flughafen auf und fliege über Frankfurt zurück nach Leipzig. Zunächst fällt es mir schwer, wieder Deutsch zu denken und zu sprechen – so sehr war ich eingetaucht in die französische Sprache!

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